Projekt ESeL&Ulme

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1.      Trägereignung

Die sbh-Gefangenen-Fürsorge gGmbH (kurz: sbh-fürsorge) gehört zum Verbund des Straffälligen und Bewährungshilfe Berlin e.V. (Gefangenen-Fürsorgeverein Berlin von 1827) – kurz: sbh-Berlin. Die sbh-Berlin ist seit 1827 in der Straffälligenhilfe tätig und der älteste existierende Berliner Verein. Wir verfolgen auf dem Hintergrund unserer Tradition seit 1827 das Ziel, Menschen davor zu bewahren (erneut) straffällig zu werden. Wir wollen unsere Klient_innen befähigen, ihre aktuelle Lebenssituation zu stabilisieren und nachhaltig zu verbessern. Auf diesem Wege wollen wir dazu beitragen, dass sie ihr zukünftiges Leben selbstständig gestalten und in sozialer Verantwortung führen und Zugang zum Arbeitsmarkt finden können. Damit leisten wir einen wirkungsvollen Beitrag zur Sicherheit und Lebensqualität in der Region Berlin-Brandenburg.

Die sbh-Berlin beschäftigt ca. 60 festangestellte Mitarbeiter_innen an vier Berliner und zwei Brandenburger Standorten, die in verschiedenen Feldern der Straffälligen- und Wohnungslosenhilfe eingesetzt werden.

Im Tätigkeitsfeld Arbeit statt Strafe – in dem aktuell 8 Kolleg_innen eingesetzt sind – ist die sbh (zunächst im Rahmen des sbh-berlin e.V., seit 2015 im Rahmen der sbh-fürsorge) seit über 20 Jahren eine der drei Berliner Fachvermittlungsstellen, denen die Berliner Staatsanwaltschaft Aufträge zur Tilgung der uneinbringlichen Geldstrafe durch gemeinnützige bzw. freie Arbeit oder durch Ratenzahlung zuweist. Seit Anfang 2019 ist die sbh-fürsorge im Bereich Arbeit statt Strafe im Landgerichtsbezirk Potsdam aktiv und Mitglied im Träger-Netzwerk HSI – Haftvermeidung durch soziale Integration.

Doch wir möchten weiter gehen: Der sbh-Verbund verfügt über zwei Immobilien im Landkreis Teltow-Fläming, beide der benannten Immobilien liegen in der Amtsgemeinde Niedergörsdorf, eine in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof Blönsdorf, unsere zweite Immobilie ist der Ulmenhof, ein Vierseithof in Kurzlipsdorf, den wir zu einem Einsatzort für Geldstrafer_innen entwickeln wollen.

In Berlin können wir auf eine jahrzehntelange Erfahrung im Bereich Arbeit statt Strafe zurück blicken. Unsere Beschäftigungsgeber reichen dabei von Urban Gardening auf Schulhöfen und Pflege von Parks und Kiezen (BG Grün) bis zu Schulrenovierungen und Pflege von Schulhöfen (BG SchulRaumVerbesserung). Durch unsere Beschäftigungsangebote, auch in Form eines A-Kommandos mit EFS der JVA Plötzensee konnten in den vergangenen 20 Jahren geschätzt circa 200.000 Tagessätze beziehungsweise circa 550 Haftjahre durch freie Arbeit getilgt werden. Wir sind in Betrachtung dieses Zeitraums sicherlich der größte Beschäftigungsgeber für Freie Arbeit in Berlin und haben an uns den Anspruch, auch der beste, das heißt wirksamste und innovativste Beschäftigungsgeber der Region zu sein.

Weiter hat die sbh in den Jahren 2012 und 2017 ganztägige Fachtagungen zum Themenkomplex „Arbeit statt Strafe“ durchgeführt, die beim Fachpublikum hohe Anerkennung erzielten und jeweils von ca. 350 Teilnehmer_innen aus dem gesamten Bundesgebiet besucht waren.

 

Wir verfügen über ein Kompetenzteam aus pädagogischem Fachpersonal, Sozialarbeiter_innen, Erzieher_innen, Agrarwissenschaftler_innen und Handwerker_innen. Darüber hinaus fördert die sbh intensiv die Weiterbildung unserer Mitarbeiter_innen. In der Folge nimmt eine Mitarbeiterin des Projekts an einer zertifizierten Weiterbildung des Alice-Salomon-Hochschule teil, die sie als  „Fachkraft für tiergestützte Therapie, Pädagogik und Fördermaßnahmen im Sozial-und Gesundheitswesen“ beenden wird. Diese Kenntnisse werden gezielt in der Arbeit mit unseren Klient_innen angewendet.

2.      Beschäftigungspolitische Relevanz

 

Das Ziel des Projekts ­ ESeL und Ulme ist die Entwicklung eines Modell-Beschäftigungsgebers, der Menschen mit uneinbringlichen Geldstrafen in die Lage versetzt, die anhängigen Tagessätze durch freie Arbeit zu tilgen und so eine Ersatzfreiheitsstrafe mit den damit verbundenen sozialen Erosionsprozessen zu verhindern oder durch so genannte day-by-day-Projekte zu verkürzen. ESeL und Ulme zeichnet sich neben sinnstiftend-qualifizierter freien Arbeit durch psychosoziale Beratung und Gruppentrainings in den Feldern Wohnen, Schulden, Sucht und soziale Kompetenzen aus. Dadurch soll eine erneute EFS vermieden und die integrative und resozialisierende Wirkung von Arbeit nachhaltig aktiviert werden. Durch Praktikumstage in regionalen Betrieben und kommunalen Arbeitseinsätzen kann der Einstieg in die berufliche Erstausbildung ermöglicht und so dem Fachkräftemangel in den Betrieben der Region begegnet werden.

 

Aktuelle Lage der Zielgruppe

Die Zahl der uneinbringlichen Geldstrafen hat sich in den vergangenen Jahren bundesweit deutlich (in Berlin um circa 40 Prozent) reduziert. Ursächlich hierfür war wesentlich die umfassende Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt: Unsere bislang „starken“ Klient_innen haben erfreulicher Weise Zugang zum ersten Arbeitsmarkt gefunden. Übrig blieben die „schwachen“ Klient_innen, deren Beschäftigung für viele Beschäftigungsgeber nicht mehr attraktiv ist, da sie im Arbeitsalltag nicht einfach „mitlaufen“ können, sondern einer individuellen Betreuung bedürfen. Im Ergebnis sinkt die Bereitschaft, Geldstrafer_innen im Rahmen von freier Arbeit einzusetzen, kontinuierlich. Dabei benötigen gerade die schwachen Klient_innen starke und professionelle Beschäftigungsgeber, die nicht nur die Ableistung der Tagessätze gewährleisten, sondern darüber hinaus Unterstützung anbieten, den multiplen Problemlagen begegnen zu können. Denn die Straffälligkeit ist bei einem Großteil der Klient_innen keine isolierbare Problemlage, sondern eher Resultat einer tiefsitzenden sozialen Randständigkeit, die oftmals von Wohnungslosigkeit, Substanzmissbrauch und sozialer Isolation geprägt ist. Circa 75-85 % der Betroffenen sind arbeitslos.[1]

Die Auswirkungen Corona-Pandemie werden diese Situation beeinflussen und weiter verschärfen: Um die Infektionsgefahr mit dem Corona-Virus in den Justizvollzugsanstalten zu minimieren, ist der Vollzug von Ersatzfreiheitsstrafen seit Mitte März 2020 ausgesetzt. Bereits inhaftierte Geldstrafer werden vorübergehend aus der Haft entlassen und müssen diese zu einem späteren Zeitpunkt finalisieren, sofern sie nicht zwischenzeitlich die vom Gericht verhängte Geldstrafe begleichen. Die Staatsanwaltschaften sehen derzeit von Ladungen zum Antritt neuer Ersatzfreiheitsstrafen ab. Darüber hinaus werden bereits veranlasste Ladungen sowie etwaige Vorführ- oder Vollstreckungsbefehle zur Verbüßung von Ersatzfreiheitsstrafen zurückgenommen. Bei durchschnittlich 150 inhaftierten Ersatzfreiheitsstrafern in Brandenburg stehen nach der viermonatigen Vollzugspause (16. März 20 bis 15. Juli 20) circa 18.000 ungetilgte Tagessätze „zum Nachholen“ an.

Und so wie in den letzten fünf Jahren der Arbeitsmarkt dazu beigetragen hat, dass sich die Zahl der uneinbringlichen Geldstrafen um circa 40 Prozent reduziert hat, wird die einschlägige Delinquenz und in der Folge die Zahl der uneinbringlichen Geldstrafen aufgrund zunehmender Arbeitslosigkeit signifikant steigen.

Um die Klient_innen nachhaltig aus ihrer sozialen Randständigkeit zu begleiten, muss die Reintegration in den Arbeitsmarkt vorangetrieben werden. Dies ist ein Ziel von ESeL und Ulme.

Aktuelle Lage in der Region

Die Gesamtbevölkerung in Niedergörsdorf betrug 2018 6.200 Menschen. Bis 2030 wird ein Rückgang um über zwölf Prozent prognostiziert[2]. Der Fachkräftemangel im Landkreis Teltow-Fläming ist auf konstant hohem Niveau. „Dem immer größeren Zuwachs an Arbeitsstellen stehen immer weniger Fachkräfte gegenüber“, sagt Marko Naue, Leiter der Arbeitsagentur Luckenwalde. 2018 gab es im Landkreis 1093 Ausbildungsstellen, knapp 60 Prozent davon blieben unbesetzt. Denn es gingen gerade einmal 980 Bewerbermeldungen ein[3].

Ländliche Regionen sind im Allgemeinen stark vom landwirtschaftlichen Strukturwandel und dem damit einher gehenden Höfesterben betroffen. 2018 gab es noch 266.690 landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland. Seit 2007 haben 54.900 Höfe den Betrieb eingestellt (- 17 Prozent). Der größte Rückgang ist bei kleinen Betrieben mit weniger als 50 Hektar zu verzeichnen, während die Anzahl der sehr großen Betriebe mit über 200 Hektar ansteigt (2007 bis 2018: + 27 Prozent)[4]. Damit ist mittelfristig der Bestand der bäuerlich strukturierten Landwirtschaft in Deutschland gefährdet. Das, was wir als „Bauernhof“ kennen, verschwindet und wird oftmals durch agrarindustrielle Anlagen ersetzt. Der kontinuierliche Rückgang von Bauernhöfen hat schwerwiegende Folgen für die ländlichen Räume, etwa durch den Verlust von Arbeitsplätzen, den Verlust dörflicher Kultur und den Verfall der Kulturlandschaft. Dieser Strukturwandel ist, ebenso wie der demografische Wandel, Teil eines massiven Prozesses, der seit etwa 20 Jahren die ländlichen Räume verändert. Durch das Überaltern und Schrumpfen der Gesellschaft in den ländlichen Räumen verschärfen sich Herausforderungen wie geringe Bruttowertschöpfung, infrastrukturelle Defizite und Abwanderung[5]. Die Soziale Landwirtschaft bietet eine Möglichkeit, wie gesellschaftliche Herausforderungen synergetisch begegnet werden kann: Die Diversifizierung eines Betriebs jenseits der reinen Produktion landwirtschaftlicher Produkte und der Einstieg in neue Dienstleistungen kann eine Säule zur Stabilisierung bäuerlicher Betriebe bilden. Ein Bauernhof als Wohn-, Arbeits- und Begegnungsraum eröffnet die Möglichkeit, die räumliche Umgebung in Verbindung mit sozialem Handeln zu bringen[6].

 

Regionale Synergieeffekte

Eine zusätzliche Innovation sind Praktikumstage in regionalen Betrieben. Dies kann nicht nur den Einstieg in die berufliche Erstausbildung ermöglichen, sondern dadurch auch dem Fachkräftemangel in den Betrieben der Region entgegen wirken.

Mögliche Kooperationspartner sind:

  • Agrar GmbH Flämingland Blönsdorf
  • Fläming Haus Lebensqualität e.V.
  • Baumschulen Marzahna Handels GmbH
  • Kwasnicki GmbH (Sanitär-Heizung-Klima)
  • Langenlipsdorfer-Fläming- Bau-GmbH

Neben dem Einsatz in der Sozialen Landwirtschaft soll in einem festen Turnus ein „kommunaler Tag“ veranstaltet werden, an dem gemeinwohlorientierte Einsätze in Abstimmung mit den Ortsvorsteher_innen geplant und durchgeführt werden. Die Einsatzmöglichkeiten erstrecken sich vom Befreien der Löschteiche von Schilf über die Pflege von Gemeinschaftsflächen bis hin zum Schneiden von Alleen und Bäumen, Anlegen von Streuobstwiesen und vieles mehr. Dies ist ein direkter Vorteil für die Gemeinden. Darüber hinaus kann auf diese Weise auch ein Beitrag geleistet werden, die Bevölkerung auf Ausgrenzungsprozesse, die eine gesellschaftliche Integration von Straffälligen verhindert, hinzuweisen. Vorurteile können so abgebaut und die gesellschaftliche Akzeptanz für straffällig gewordene Menschen kann gefördert werden. Das Projekt ESeL und Ulme wirkt auf diese Weise inklusiv, nachhaltig Toleranz-fördernd und Demokratie-stärkend.

 

In Kürze

 

Investitions-priorität Herausforderung / Handlungsfeld Lösung – ESeL und Ulme –  
1 Personalgewinnung und

-entwicklung in Unternehmen

… durch die Vermittlung von Praktikumstagen in regionalen Unternehmen.
2 Förderung der Chancengleichheit … durch Vermeidung einer Inhaftierung und der damit einher gehenden Prisionierungseffekten.
2 Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit von Benachteiligten … durch Persönlichkeitsentwicklung in sozialarbeiterischen Angeboten, Einüben von Tagesstruktur, Steigerung der Verlässlichkeit, Vermitteln von Alltagskompetenzen und Qualifizierung durch praktische Einblicke in die Unternehmen.
2 Bekämpfung von Ausgrenzung … durch Integration von straffälligen, sozial randständigen Menschen in das Gemeinwesen und positive Kontakte durch „kommunale Tage“ (gemeinnützige Einsätze in den Gemeinden).
2 Entwicklung von neuen Formen des Wirtschaftens, Konsumierens und Arbeitens … durch die Reaktivierung eines aufgegebenen Vierseithofs und die Entwicklung eines innovativen Diversifizierungsmodells der sozialen Landwirtschaft.

 

 

 

 

 

 

3.      Innovationsgehalt

Soziale Landwirtschaft ist eine Perspektive multifunktional verstandener Landwirtschaft und umfasst landwirtschaftliche Betriebe und Gärtnereien, die Menschen mit körperlichen, geistigen oder seelischen Beeinträchtigungen integrieren; Höfe, die eine Perspektive bieten für sozial schwache Menschen, für straffällige Personen oder lernschwache Jugendliche, Drogenkranke, Langzeitarbeitslose und aktive Senioren, Schul- und Kindergartenbauernhöfe und viele andere mehr. Vorsorge, Inklusion und mehr Lebensqualität sind Aspekte Sozialer Landwirtschaft.

Soziale Landwirtschaft als sinnstiftende Verbindung von Sozialer Arbeit und Landbau ist eine relativ neue Entwicklung mit großer Dynamik. Die Einrichtungen, die sich dieser Idee verschrieben haben, sind vielfältig. Bundesweit wird von über sechshundert Einrichtungen ausgegangen, die sich auf öffentliche, freigemeinnützige und private Träger verteilen. Wie auch in der oben genannten Definition „Sozialer Landwirtschaft“ können auch Strafgefangene Adressat_innen solcher Angebote sein. In einer Erhebung aus dem Jahr 2019 gaben 23 der circa 200 Justizvollzugsanstalten (JVAen) in Deutschland an, in irgendeiner Weise landwirtschaftlich oder gärtnerisch tätig zu sein. Zum Teil werden Grünflächen für Hochbeete genutzt, Therapiegärten oder kleine Gärtnereien betrieben. Sechs JVAen bewirtschaften eine Fläche mit mehr als zehn Hektar[7]:

„Abgesehen von arbeitstherapeutischen Angeboten bietet Landwirtschaft/ Gärtnerei in den Jugendanstalten eher Raum und Platz für eine Ausbildung sowie für erzieherische Angebote; im Erwachsenenvollzug steht das Angebot einer sinnvollen Beschäftigung im Vordergrund, aber auch resozialisierende Aspekte der landwirtschaftlichen/ gärtnerischen Arbeit.“ (Thomas van Elsen, 2019)

Im Fachdiskurs (zB Limbrunner „Boden unter den Füßen“[8]) wird angemerkt, dass die Soziale Landwirtschaft als Beschäftigungsgeber im hochkomplexen Netz sozialer Hilfen ein randständiges und unbeachtetes Dasein führt, obgleich es mittlerweile genug Belege gibt, die die positive Wirkung grüner Tätigkeiten auf Adressaten Sozialer Arbeit nachweisen.

Es sind jedoch keine Projekte speziell für Ersatzfreiheitsstrafer bekannt. Auch konnte kein Projekt ausfindig gemacht werden, dass Soziale Landwirtschaft als professioneller Beschäftigungsgeber mit Zusatzangeboten betreibt.

Im Vergleich mit anderen Projekten, die soziale Landwirtschaft betreiben, besteht das Alleinstellungsmerkmal von ESeL und Ulme in der Zielgruppe einerseits und in den begleitenden sozialarbeiterischen und arbeitstherapeutischen Angeboten andererseits. Neben psychosozialer Beratung durch professionelle Fachkräfte und Gruppentrainings in den Feldern Wohnen, Schulden, Sucht und soziale Kompetenzen werden innovative Instrumente eingeführt, um Partizipation innerhalb der Hofstruktur zu ermöglichen:
Anknüpfend an die Erkenntnisse aus Modellprojekten (z.B. „Just Communities“ in der Justizvollzugsanstalt Adelsheim) soll ein Gremium entwickelt werden, das den Rahmen für die Teilhabe der Klient_innen an Entwicklungsprozessen im Projekt ESeL und Ulme bildet. Teilhabe und Partizipation bedeuteten in dem Zusammenhang, an Entscheidungen mitzuwirken und damit Einfluss auf das Ergebnis nehmen zu können. Sie basiert auf klaren Vereinbarungen, die regeln, wie eine Entscheidung gefällt wird und wie weit das Recht auf Mitbestimmung reicht. Um dies zu erproben, soll ein demokratisches Hofgremium entwickelt werden, das durch die Klient_innen, Gruppenanleiter_innen und weiteren Mitarbeiter_innen besetzt ist. Alle Mitglieder sind gleichermaßen nach dem „Ein-Mensch-eine Stimme“-Prinzip stimmberechtigt. Ähnliche Projekte konnten zeigen, dass die partizipative und demokratische Einbindung in partizipative Gremien für das soziale Klima im Kontext des Justizvollzugs förderlich ist und dass soziale Aushandlungsprozesse durch demokratische Beteiligungsmodelle stimuliert und eingeübt werden können.

Durch die Erfahrung der Selbstbestimmung und Mitgestaltung können straffällige und sozial randständige Menschen Qualifikationen einüben, die entscheidend für ein gelingendes Leben nach dem Vollzug oder nach dem Tilgen der Strafe sein können: insbesondere die kommunikative Aushandlung von Wünschen und Bedürfnissen, Kontrolle über die Alltagsstruktur und Konfliktlösungsoptionen. Und diese Kompetenzen dienen der Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit und erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer Integration von sozial benachteiligten, straffälligen Menschen in Erwerbsarbeit.

 

In ESeL und Ulme sollen auch der Bereich Tierhaltung entwickelt werden. Bei der Arbeit mit Tieren stehen die täglichen Versorgungsarbeiten im Vordergrund. Dazu gehört die Bereitstellung des Futters, das Füttern selbst, das Ausmisten, Pflegearbeiten und oftmals auch das Handling, oft mit direktem körperlichem Kontakt. Die Arbeit mit und an den Tieren wird professionalisiert durch eine Fachkraft für tiergestützte Therapie, Pädagogik und Fördermaßnahmen im Sozial-und Gesundheitswesen, die gezielte Angebote entwickelt. Die tiergestützte Intervention hat sich in den letzten Jahren in vielen Bereichen pädagogischer, sozialarbeiterischer, (psycho)therapeutischer und gesundheitlich-pflegerischer Praxis als eine vielversprechende eigenständige oder begleitende Variante von präventiven oder rehabilitativen Hilfen erwiesen. In Deutschland schreitet die Entwicklung dieser Angebote zwar viel zögerlicher voran als beispielsweise in den angloamerikanischen Ländern, doch wird immer häufiger in Kindertagesstätten, Pflegeeinrichtungen, Kliniken und Behandlungszentren mit tierischer Assistenz gearbeitet.

Trotz herausragender Erfahrungen mit einzelnen aufsehenerregenden Projekten, wie beispielsweise die Aufzucht von Tierheimwelpen durch Strafgefangene in den USA, steckt die Praxisentwicklung von tiergestützten Interventionen im Kontext des Justizvollzugs noch in den Kinderschuhen.

 

In Kürze

Handlungsfeld Innovationsleistung – ESeL und Ulme
Beschäftigungsgeber zur Tilgung uneinbringlicher Geldstrafen Soziale Landwirtschaft als Tätigkeitsbereich bietet sinnstiftende und körperlich befriedigende Aufgaben.
Einsatzstelle Soziale Landwirtschaft zur Verkürzung von Ersatzfreiheitsstrafen Realisierung eines day-by-day Projekts mit der JVA Brandenburg an der Havel in ESeL und Ulme.
Ableistung freier Arbeit Gemeinsames Arbeiten und Leben unter Anleitung sozialarbeiterische Fachkräfte zur Stärkung der Alltagskompetenzen.
Gestaltung des Arbeitsumfelds Partizipative Gremienarbeit zur Stärkung von Selbstwirksamkeitserfahrungen, Konfliktkompetenzen und Demokratieverständnis. Wiedererlernen von Arbeitsstruktur und Verlässlichkeit.
Innovative Therapie- und Beratungsansätze Tiergestützte Interventionen im Arbeitsalltag durch ausgebildete Fachkraft.

 

4.      Ergebnisse und Transferpotenzial

 

Das Ergebnis des Entwicklungsprojekts ESeL und Ulme ist ein Durchführungskonzept für einen Modell-Beschäftigungsgeber, der Menschen mit uneinbringlichen Geldstrafen in die Lage versetzt, die anhängigen Tagessätze durch freie Arbeit zu tilgen und so eine Ersatzfreiheitsstrafe mit den damit verbundenen sozialen Erosionsprozessen zu verhindern oder durch so genannte day-by-day-Projekte zu verkürzen. Durch eine intensive Vernetzung mit regionalen Arbeitgeber_innen und angeleitete Praktikumstage können die Klient_innen wieder in Kontakt mit den Ansprüchen des Arbeitsmarktes kommen und gegebenenfalls können Beschäftigungsverhältnisse entstehen. ESeL und Ulme zeichnet sich neben sinnstiftend-qualifizierter freien Arbeit durch psychosoziale Beratung und Gruppentrainings in den Feldern Wohnen, Schulden, Sucht und soziale Kompetenzen aus. Dadurch soll eine erneute EFS vermieden und die integrative und resozialisierende Wirkung von Arbeit nachhaltig aktiviert werden. Des Weiteren kann durch Arbeitseinsätze in regionalen Betrieben der Einstieg in die berufliche Erstausbildung ermöglicht und so dem Fachkräftemangel in den Betrieben der Region begegnet werden. Das Konzept zeigt auf, wie ESeL und Ulme mithilfe von tiergestützten Interventionen und partizipativen Strukturen einen positiven Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung der Klient_innen leisten kann.

An die Entwicklungsphase von ESeL und Ulme schließt optimalerweise die Beantragung und Bewilligung eines Modellprojekts an.

Falls dies nicht gelingt, kann das Projekt durch Eigenmittel zumindest teilweise realisiert werden. Das Konzept wird außerdem auch auf der Homepage der sbh-Gefangenen-Fürsorge gGmbH veröffentlicht und kann somit für andere Projekten und Beschäftigungsgeber genutzt werden.

 

Maßnahmen im Entwicklungsprojekt ESeL und Ulme

 

Maßnahme und Meilensteine Zu klärende Frage
Aufbau eines regionalen Kooperationsnetzwerkes mit gemeinnützigen Unternehmen, Vereinen und Trägern –          Wo können wir in der Region Praktikumstage durchführen?

–          Mit welchen Vereinen können wir integrative Veranstaltungen / Aktionen durchführen?

Erstellung einer Potentialanalyse –          Welche Ressourcen bietet die Region?

–          Wo bestehen Bedarfe, die perspektivisch durch ESeL und Ulme gedeckt werden können?

Kooperation mit Organen der Justiz –          Welche Rahmenbedingungen sind notwendig, um in einem day-by-day-Projekt inhaftierten Ersatzfreiheitsstrafern aus der JVA Brandenburg a.d.H. oder Klient_innen der Sozialen Dienste der Justiz Zugang zu ESeL und Ulme zu gewähren?

–          Wie können die zusätzlichen Leitungen von ESeL und Ulme bewertet werden?

Kooperation mit internationalem Partner –          Welche Lösungsansätze sind in Italien erfolgreich?

–          Wie können diese Impulse in Brandenburg umgesetzt werden?

Entwicklung von Zielindikatoren –          Wie viele Tagessätze wollen wir ESeL und Ulme in einem Zeitraum x tilgen?

–          Wie viele Praktikumstage wollen wir vermitteln?

Meilenstein I  : Vereinbarung über Kooperationsabsicht mit regionalen Unternehmen
Meilenstein II : Vereinbarung mit JVA zur Realisierung eines day-by-day-Modellprojekts und/ oder                                                                        Kooperation mit den Sozialen Diensten der Justiz.
Meilenstein III: Gemeinsame Veranstaltung mit int. Partner
Meilenstein IV: Fertigstellung Konzept zu Angeboten tiergestützter Interventionen
Meilenstein V : Finalisierung Konzepterstellung ESeL und Ulme inkl. Zielindikatoren

 

 

5.      Kooperationspartner

Als Kooperationspartner konnte Prof. Dr. Susanne Elsen von der Fakultät für Bildungswissenschaften der Freien Universität Bozen gewonnen werden. Wir lernten Prof. Dr. Elsen durch ihren Vortrag „Das Beispiel Südtirol – Soziale Landwirtschaft und der ländliche Raum“ bei der Fachtagung Soziale Landwirtschaft der BTU Cottbus Senftenberg am 5. März 2020 kennen und freuen uns, ihre Expertise für das Entwicklungsprojekt ESeL und Ulme nutzen zu können.

Sie wird ihre Erfahrung aus folgenden Forschungsschwerpunkten einbringen:

  • Soziale Landwirtschaft
  • Gemeindebasierte Gesundheitsförderung
  • Partizipative und transformative Forschung und Entwicklung
  • Gemeinwesenentwicklung

 

Eine Absichtserklärung zur Zusammenarbeit liegt diesem Antrag bei.
Darüber hinaus streben wir eine intensive Kooperation mit den örtlichen einschlägigen Expert_innen für Arbeit an (Jobcenter Teltow-Fläming, Agentur für Arbeit Luckenwalde).

6.      Verankerung der Querschnittsthemen

Die Leitungsebene der sbh-Berlin besteht zu 50 Prozent aus Frauen. Wir als Unternehmen fördern durch flexible Arbeitszeiten und die Bereitstellung mobiler Arbeitsgeräte in hohem Maße die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Beschäftigungsangebote von ESeL und Ulme bieten vielseitige und unterschiedliche Tätigkeiten, die für Frauen wie für Männer gleichermaßen geeignet sind.

Da circa 90% der Klient_innen der sbh-Gefangenen-Fürsorge männlich sind, ist in besonderem

Maße darauf zu achten, dass die spezifischen Interessen der betroffenen Klientinnen nicht vernachlässigt werden. Dieser Aspekt der Achtsamkeit – hier zugunsten der 10 Prozent Frauen – zieht sich durch alle Handlungen des Projektfeldes, zum Beispiel durch die Gestaltung/Formulierung von Schriftstücken, die Besetzung des Mitarbeiter*innen-Teams, die Haltung sowie die Handlungen der Mitarbeiter*innen sowie den Umgangston in der Beratungsarbeit.

Wir als sbh-Gefangenen-Fürsorge gGmbH sehen es als Selbstverständlichkeit an, den Grundsatz der Chancengleichheit und Nichtdiskriminierung im Hinblick auf Geschlecht, ethnische Herkunft, Religion oder Weltanschauung, eine Behinderung, das Alter oder die sexuelle Ausrichtung zu leben und zu fördern. Wir sind der festen Überzeugung, dass ESeL und Ulme als Beschäftigungsgeber mit dem großen Potential an regionaler Vernetzung optimal geeignet ist, der Diskriminierung und Stigmatisierung von straffälligen Menschen zu begegnen. Durch die Einsätze beim kommunalen Tag treten die Klient_innen positiv in Erscheinung. Auch die Tatsache, dass der leerstehende, vom Verfall bedrohte Vierseithof in Stand gesetzt und bewirtschaftet wird, wird von der Dorfgemeinschaft positiv aufgenommen.

ESeL und Ulme fördert eine nachhaltige Entwicklung in mehrfacher Weise. Durch die Arbeit im Gart- und perspektivisch im Landbau fördert das Verständnis für Biodiversität und Ressourcenschutz und verdeutlicht die Relevanz des Klimawandels auf regionale Anbaubedingungen (zum Beispiel Bewässerung im Sommer). Durch die angestrebten Kooperationen mit der Agrar GmbH Flämingland Blönsdorf und der Baumschule Marzahna und daraus resultierenden Verknüpfungen können „grüne“ Arbeitsbereiche, für die dringend Mitarbeiter_innen gesucht werden, gestärkt werden.

 

7.      Arbeits- und Finanzierungsplanung

7.1.  Detaillierte Arbeitsplanung

Unserer Planung haben wir einen Förderstart im September 2020 angenommen. Der nachfolgenden Tabelle können die Tätigkeiten in den Fördermonaten eins bis sechs sowie die Zuständigkeiten innerhalb des Teams entnommen werden. Zur detaillierten Darstellung der Meilensteine möchten wir auf Kapitel 4 (Maßnahmen und Transferpotential) verweisen.

 

Tätigkeit im Fördermonat 1 2 3 4 5 6 Zuständigkeit
Netzwerkarbeit MS I Projektleitung

Verwaltungskraft

Organisation Modellprojekt day-by-day mit JVA BRB adH MS II Projektleitung
FachkraftVerwaltungskraft
Potentialanalyse MS III Projektleitung
Tiergestützte Intervention MS IV Projektleitung
Fachkraft
Konzepterstellung MS V Projektleitung
Fachkraft
Meilenstein I  : Vereinbarung über Kooperationsabsicht mit min. drei regionale Unternehmen
Meilenstein II : Vereinbarung mit JVA zur Realisierung eines day-by-day-Modellprojekts
Meilenstein III: Gemeinsame Veranstaltung mit int. Partner
Meilenstein IV: Fertigstellung Konzept zu Angeboten tiergestützter Interventionen
Meilenstein V : Finalisierung Konzepterstellung ESeL und Ulme inkl. Zielindikatoren

 

7.2.  Maßnahmen der Qualitätssicherung

Die Leistungen werden durch Fachkräfte, zum Beispiel durch staatlich anerkannte Sozialarbeiter_innen, Agrarwissenschaftler_innen sowie administrative Fachkräfte oder Angestellte mit vergleichbaren Kenntnissen und Fähigkeiten verfügen, erbracht. Die Mitarbeiter und Mit-arbeiterinnen des Projektes bilden zusammen mit der Projektleitung ein Team, das 14-tägige Teambesprechungen abhält. Inhalte der Teambesprechungen sind Einhaltung des Arbeitsplanes und Erreichung der Meilensteine einerseits und inhaltliche Fragen zur Konzepterarbeitung andererseits. Die Ergebnisse aus den Teamsitzungen werden protokolliert. Die Führung des Projektes und der Teambesprechungen erfolgt durch den/die zuständige/n Projektleiter*in oder den Geschäftsführer der sbh-Berlin.

 

[1] Bögelein, N.: Eigentlich eine Geldstrafe – Daten zur Ersatzfreiheitsstrafe. www. ebet-ev.de

[2] https://www.wegweiser-kommune.de/statistik/niedergoersdorf+demographischer-wandel+2016-2018+tabelle

[3] https://www.maz-online.de/Lokales/Teltow-Flaeming/Fachkraeftemangel-in-der-Region

[4] Deutscher Bauernverband (2019): Situationsbericht 2019/ 2020: Trends und Fakten zur Landwirtschaft. DBV Eigenverlag, Berlin.

[5] Meyer, Christine (2015): Soziale Landwirtschaft als professionelle Soziale Arbeit im ländlichen Raum. In: Sozialmagazin, 3-4, 2015, Beltz Juventa, S. 80-87.

[6] Deutsche Arbeitsgemeinschaft Soziale Landwirtschaft (2015): 20. Rundbrief Juni 2015: https://beb-ev.de/wp-content/uploads/2015/06/RUNDBRIEF_DASoL20.pdf

[7] Neumair, Marlene; van Elsen, Thomas (2019): Soziale Landwirtschaft im deutschen Justizvollzug. In: Mühlrath, Daniel; Albrecht, Joana; Finckh, Maria R.; Hamm, Ulrich; Heß, Jürgen; Knierim, Ute und Möller, Detlev (Hg.) Innovatives Denken für eine nachhaltige Land- und Ernährungswirtschaft. Beiträge zur 15. Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau, Kassel, 5. bis 8. März 2019, Verlag Dr. Köster, Berlin, 548-551

[8] Limbrunner, Alfons; van Elsen, Thomas (Hrsg.) (2013): Boden unter den Füßen. Grüne Sozialarbeit – Soziale Landwirtschaft – Social Farming. Weinheim/ Basel: Beltz Juventa.